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2002 - Netzwerke des Terrors

2001 - Der Oligarch

2000 - Schmutzige Hände

1999 - Die roten Bosse


Inhalt

Chronologie eines kafkaesken Polit-Krimis

"Wie soll man einen Feind besiegen, der sich perfekt getarnt in der Mitte der Gesellschaft befindet?"

6. November 1999

Ein Skandal um kriminelle Netzwerke mit Verbindungen zur Politik, auch in Deutschland, zeichnet sich ab. In einer Vorausmeldung kündigen internationale Presseagenturen eine Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL an. Im Fürstentum Liechtenstein sollen einflussreiche Politiker, Richter, Treuhänder und Polizeibeamte mit kolumbianischen Drogenkartellen und der Russen-Mafia kooperieren.

An diesem Samstag liest in Liechtenstein auch Regierungschef Mario Frick die Vorausmeldung. Dem BND-Bericht zufolge, aus dem DER SPIEGEL Auszüge abdruckt, ist Liechtenstein nicht nur ein ideales Geldwäscheparadies - was wirklich keine Sensation wäre.

Der Kern der Vorwürfe lautet: "Anonyme Stiftungen und Firmengründungen, dazu die strenge Einhaltung des Bankgeheimnisses und die Mischung von illegalen mit legalen Geschäften sowie enge Kontakte zu Banken, Politikern und der Polizei garantieren den Liechtensteiner Treuhändern, Anwälten und Beratern, dass sie Gruppen der Organisierten Kriminalität nahezu ungehindert maßgeschneiderte Finanzdienstleistungen anbieten können. Ihre Klientel setzt sich unter anderem zusammen aus lateinamerikanischen Drogenclans, italienischen Mafiagruppierungen und russischen OK-Gruppen."

Mario Frick steigt die Zornesröte ins Gesicht. Sofort greift er zum Telefon und ruft seinen Justizminister an: "Heinz, du musst sofort zu mir kommen." Heinz Frommelt ahnt noch nichts von dem, was er und viele andere in den nächsten Wochen und Monaten erleben werden.

Nachdem er die Agenturmeldung gelesen hat - auch Außenministerin Andrea Willi ist inzwischen hinzugekommen -, schaut ihn sein Regierungschef, dem die Vorwürfe absurd erscheinen, fragend an. "Glaubst du das? Du kennst doch das Geschäft."

Als die ganze Geschichte am Montag im SPIEGEL nachzulesen war und der Bericht international Schlagzeilen machte, bezeichnete Regierungschef Mario Frick die Vorwürfe des BND als "ausgemachten Blödsinn". Die Frage, die sich viele Liechtensteiner trotzdem stellten, war, ob nicht doch etwas Wahres an dem sein könnte, was der BND behauptete, auch wenn die genannten Personen angesehene Mitbürger waren.

Zum Beispiel Rudolf Ritter, ein vom BND angeschwärzter Treuhänder. Sein Bruder war immerhin stellvertretender Regierungschef und Innenminister Liechtensteins.

In dem überschaubaren Fürstentum (33.000 Einwohner, 17 Banken, rund 80.000 Briefkastenfirmen) kennt jeder jeden, und die politische Kaste hat in der Regel auch immer mit Vermögensverwaltung zu tun.

Die Familie von Regierungschef Mario Frick ist mit einer eigenen Bank ins Geldgeschäft eingestiegen, und Seine Durchlaucht Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein, ebenfalls nicht unvermögend, ist mit der Verwaltung eines Milliardenvermögens beschäftigt. Sein Clan besitzt die Bank Liechtenstein Global Trust (LGT). Das Vermögen der Fürstenfamilie wird auf 5,05 Milliarden Euro geschätzt.

Der Hinweis war eine kleine Fußnote auf Seite 15 des BND-Dossiers: "1997 sollen Heeb und Ritter von der IBR (Banca Internationala a Religiilor in Bukarest, d. Autor) beauftragt worden sein, über die IBR vorgewaschene und kriminell erzielte Gelder in Deutschland an der Börse zu investieren und Aktien einer Aktiengesellschaft aus Frankfurt zu erwerben. Bei der Frankfurter Aktiengesellschaft handelt es sich um die SPAG , ein 1992 gegründetes deutsch-russisches Joint Venture mit Sitz in Frankfurt/M.", steht im BND-Bericht.

Und an anderer Stelle war zu lesen: "Zwischenzeitlich wurde bekannt, dass diese Bank (gemeint war die IBR, d. Autor) vom organisierten Verbrechen auch zur Anlage bereits gewaschenen Geldes genutzt wird. Einem nachrichtendienstlichen Hinweis zufolge transferierten russische Kriminelle über dieses Finanzinstitut die Mittel zum Erwerb von Immobilien in Russland."

Sechs Wochen nach den Enthüllungen im SPIEGEL war Justizminister Heinz Frommelt davon überzeugt, dass es nur noch einen Weg gab, die schweren Vorwürfe zu untersuchen und den beschädigten Ruf des Fürstentums wiederherzustellen - durch einen externen Sonderstaatsanwalt.

22. Dezember 1999

Nicht weit vom Goldenen Dach'l in Innsbruck entfernt, gleich neben dem altehrwürdigen Gerichtsgebäude, steht ein eher schmuckloses Verwaltungsgebäude. Im zweiten Stock sitzt Hofrat Oberstaatsanwalt Dr. Kurt Spitzer an seinem Schreibtisch, vor sich einen riesigen Aktenberg.

Die heikle Geschichte, erklärt ihm der Leitende Oberstaatsanwalt, könne schnell aufgeklärt werden. "Das dauert vielleicht drei bis vier Wochen, und dann kannst du dich wieder deiner normalen Arbeit widmen." Kurt Spitzer überlegt kurz und nimmt den Auftrag an.

Am nächsten Tag bereits fährt er nach Vaduz und trifft Regierungschef Mario Frick und Justizminister Heinz Frommelt. Mario Frick sagt zu ihm: "Alles steht Ihnen zur Verfügung, alle Akten, überall können Sie Einblick nehmen." Spitzer ist zu diesem Zeitpunkt noch fest davon überzeugt, dass die Vorwürfe in weniger als vierzehn Tagen aufgeklärt werden können.

Ein Problem muss er als Erstes lösen. Er kennt zwar alle Presseveröffentlichungen über den BND-Bericht, aber in Liechtenstein hat bisher niemand den Bericht selbst in Händen.

Nun hofft die Regierung, mit dem unabhängigen Sonderstaatsanwalt Spitzer das Dossier zu erhalten. Schließlich, so dürfte auch Spitzer damals vermutet haben, muss doch auch die deutsche Bundesregierung ein Interesse daran haben, dass gegen mutmaßliche Kriminelle in Liechtenstein und deren Netzwerke im In- und Ausland strafrechtlich etwas unternommen wird.

Dem Sonderstaatsanwalt stehen einige Unterlagen zur Verfügung: zwei Berichte eines Unbekannten aus den Jahren 1997 und 1998, in denen hohe Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft Liechtensteins als Mitglieder krimineller Organisationen beschrieben werden, der SPIEGEL-Artikel [¤] vom 8. November 1999 und ein Beitrag des ZDF.

27. Dezember 1999

Kurt Spitzer führt die ersten Gespräche mit Richtern und Staatsanwälten und lässt sich sämtliche Strafakten über Personen aushändigen, die im Zusammenhang mit der Berichterstattung auftauchen. Als Erstes stellt er fest, dass es eine gravierende personelle Unterbesetzung der Staatsanwaltschaft und des richterlichen Personals gibt und somit ein Vorwurf des BND sicherlich zutrifft - die unglaublichen Verfahrensverzögerungen gerade bei internationaler Rechtshilfe.

In einigen Richterzimmern stapeln sich verstaubte Unterlagen meterhoch. Strafakten liegen teilweise seit zehn Jahren unbearbeitet in den Büros der Richter. In den Gesprächen mit den wenigen Polizeibeamten in Vaduz merkt er zudem, dass es überhaupt keine Kriminalpolizei gibt, die das Wort Wirtschaftskriminalität buchstabieren könnte.

Also holt er sich zur Unterstützung Spezialisten der Wiener Wirtschaftspolizei nach Vaduz. Gleichzeitig versucht er, den geheimnisvollen BND-Bericht zu bekommen. Den kennen bereits etliche deutsche Journalisten, während er immer noch auf Vermutungen angewiesen ist.

Immerhin werden Kurt Spitzer und Justizminister Heinz Frommelt Anfang Januar 2000 ins Berliner Bundeskanzleramt gerufen, für die Liechtensteiner der erste Hoffnungsschimmer. Doch was müssen sie dort hören? "Das ist alles geheim. Wir können Ihnen leider nichts geben." Der erste Berlin-Besuch war also "für die Katz", wie es einer der Beteiligten ausdrückte.

23. Januar 2000

Wieder sind der Sonderstaatsanwalt und der Justizminister aus Liechtenstein auf dem Weg nach Berlin. Im Luxushotel Adlon am Brandenburger Tor warten sie gespannt auf den morgigen Tag. Dann sollen sie Justizministerin Herta Däubler-Gmelin treffen.

Zum vereinbarten Termin sind sie pünktlich im Besprechungszimmer der Ministerin. Da dürfen sie erst einmal zwanzig Minuten lang warten. "Dann ist sie mit ihrem Tross ins Zimmer gerauscht. Noch im Stehen, ohne uns zu begrüßen, fuhr sie uns an: 'Was ich Ihnen ganz klar sagen will - ohne meine Zustimmung gibt es keine Pressekonferenz oder Presseerklärung.'"

Denn damit haben die Abgesandten aus dem winzigen Liechtenstein gedroht, sollten sie weiter hingehalten werden. Als sie die Ministerin fragen, was sie machen müssten, um an den BND-Bericht zu gelangen, kommt die Antwort: "Das ist nicht unsere Aufgabe." Kurt Spitzer sagt daraufhin etwas fassungslos: "Wir waren doch schon überall."

Spitzer weiter: "Wie Schulbuben hat sie Frommelt und mich behandelt. Mich erschütterte, wie wenig ernst es ihr mit der Verbrechensbekämpfung war." Ein Eindruck, den Justizminister Heinz Frommelt teilte: "Sie sollte uns abschrecken, wollte uns davon abhalten, das BND-Papier zu bekommen - das war ihr Auftrag. Der Auftrag kam von ganz oben."

Ganz oben, also noch über der Justizministerin, dürfte es, abgesehen von der abstrakten Staatsräson, nur noch eine Person mit Richtlinienkompetenz geben. Aber warum dieser Widerstand? Vielleicht weil die Bundesregierung wusste, wie dünn der BND-Bericht war?

"Eine Blöße wollte sich in Berlin niemand geben", glaubte damals Heinz Frommelt. Gab es vielleicht noch ein anderes Motiv? Wollte man die junge Freundschaft zwischen Moskau und Berlin nicht aufs Spiel setzen - also das hohe Gut der Realpolitik?

Sonderstaatsanwalt Kurt Spitzer und Justizminister Heinz Frommelt fahren nach der kurzen und frustrierenden Stippvisite bei der Ministerin wieder zurück in ihr Hotel. Mitten in der Nacht erreicht sie die Nachricht, dass die Justizministerin bereits eine "gemeinsame" Presseerklärung verfasst und an die Agenturen gegeben hat.

Unterdessen habe, das meldete die Zeitschrift "Focus", BND-Abteilungsleiter Helmut Frick auf einer Sitzung des geheim tagenden Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) des Deutschen Bundestags neue Erkenntnisse über illegale Geschäfte in Liechtenstein vorgelegt, insbesondere über Beziehungen zwischen einem Ex-Regierungschef Liechtensteins mit kolumbianischen Drogenkartellen.

Trotz der brüsken Behandlung in Berlin versuchten Spitzer und Frommelt weiter das BND-Dossier zu bekommen. Immerhin etwas kam jetzt zustande: Der Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau versprach ihnen, ein Gespräch mit dem BND-Chef August Hanning zu vermitteln.

10. Februar 2000

Kurt Spitzer und Justizminister Heinz Frommelt werden erneut nach Berlin gebeten, diesmal, um den BND-Präsidenten August Hanning zu treffen. Morgens um 9 Uhr steht, wie verabredet, ein blauer Mercedes vor der Hoteltür. Gegenüber dem Hotel parkt ein weißes Observationsfahrzeug des BND.

"Das war so auffällig, weil es schon am Abend vorher dastand", erinnert sich Spitzer. Er und Frommelt steigen in den gepanzerten Wagen. Ihr Leibwächter wird unsanft weggedrängt.

Merkwürdig finden Spitzer und Frommelt, dass sie eine halbe Stunde immer nur im Kreis herumfahren. "Was soll das?", will Spitzer vom Fahrer wissen. "Wir haben den Termin um genau 10 Uhr", antwortet der lapidar. "Deshalb dürfen wir nicht vorher da sein."

Eigentlich stehen in Berlin für offizielle Gespräche viele Regierungsgebäude zur Verfügung. Keines davon ist aber das Ziel der langen Fahrt. Die Reise führt in die Außenbezirke, wo der Fahrer vor einer Villa mit verwildertem Garten parkt. Überall laufen Männer mit Maschinenpistolen herum.

"Mein Gott", denkt Spitzer, "wo sind wir hier gelandet?" Das Haus ist eine Bruchbude.

"Das war wie eine Filmszene aus James Bond", erinnert sich Spitzer. Und Frommelt sagt: "Die Jungs spielten Räuber und Gendarm. Sie wollten den kleinen Liechtensteinern den Eindruck vermitteln, wie wichtig sie sind."

Geheiminformationen mit politischem Sprengstoff

Dabei sind im Gespräch mit dem BND-Präsidenten durchaus explosive und streng geheime Informationen weitergegeben worden. So stellte sich für die Liechtensteiner bereits damals, also im Februar 2000, heraus, dass die Einschätzung im BND-Dossier über die Rolle der SPAG nicht aus fremden Quellen stammte, sondern vom BND selbst.

Das hatte wahrscheinlich politische Gründe. Die Bundesregierung hatte wegen der guten politischen Beziehungen zu Moskau kein Interesse, besonders viel zur Aufklärung beizutragen. Frommelt: "Ich glaube, sie hatten Informationen über die Beziehungen Putin und Tambovskaja - Einschätzungen, aber keine harten Beweise."

Zudem wäre es sicher nicht von Nachteil, bestimmte Informationen über Putin in der Hinterhand zu behalten. Schließlich ist die von Hanning im Gespräch erwähnte Tambovskaja, von der im Zusammenhang mit Putin ja die Rede war, keine karitative Einrichtung, sondern eine finstere Mafiabande.

Fazit für den Liechtensteiner Justizminister damals, im Februar 2000: "Ich persönlich hatte nicht den Eindruck, dass die Angelegenheit verfolgt werden soll. Die waren nicht begeistert davon, dass sie das Licht der Öffentlichkeit erblickt."

Das hing vielleicht mit Informationen zusammen, die der BND-Chef den Liechtensteinern in Berlin gab. Sie hatten mit dem Treuhänder Eugen Heeb aus Liechtenstein zu tun, der im BND-Bericht bereits genannt wurde. Demnach gab es in den neunziger Jahren Flüge von St. Petersburg und Moskau nach Wien, die von Putin organisiert worden sein sollen. Es soll sich um große Goldtransporte gehandelt haben.

Das Gold wurde bei Heeb zwischengelagert und danach in Lugano eingeschmolzen, damit es nicht als russisches Gold auf den Markt kam. "Das waren die Erkenntnisse unserer hiesigen Polizei", so einer aus der Liechtensteiner Delegation. "Als ich das dem BND-Chef sagte, wurde er sehr hellhörig. Sie wussten zumindest von den Transporten nach Wien."

Diese Spur sollte niemals weiterverfolgt werden. Obwohl im Tessin bis zum heutigen Tag ein Mann sitzt, der darüber genau Bescheid wissen will: Felipe Turover, einst Banker bei der Banca del Gottardo. Er bestätigt die Goldtransporte, die ab 1991 nach Lugano geflogen wurden.

Andererseits stand Wladimir Putin Anfang der neunziger Jahre in St. Petersburg gerade am Anfang seiner Karriere, und deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass er damit etwas zu tun hatte.

Vorgelegt wurden ihm verschiedene Dokumente, unter anderem der Geschäftsbericht einer Vaduzer Bank. Spitzer wollte den Bericht einsehen, erhielt jedoch eine Absage: "Nein, das geht leider nicht. Das ist streng geheim." Den Geschäftsbericht bekam Spitzer in Vaduz bei der Bank selbst. Dort war der vom BND als "geheim" eingestufte Bericht öffentlich ausgehängt.

Immerhin hatte er nun zusätzliche konkrete Informationen des BND über Anlagenbetrug und Geldwäsche, die er wiederum sofort überprüfen ließ. Weil er von deren Seriosität überzeugt war, ordnete er Telefonüberwachungen bei den Verdächtigten an. Erstmals in der Geschichte des Fürstentums kam es sogar zu Hausdurchsuchungen und Festnahmen höchst ehrenwerter Mitglieder der Liechtensteiner Gesellschaft. Hatte der BND etwa Recht gehabt mit seinen Behauptungen?

11. Mai 2000

Seit Tagen haben sich Staatsanwaltschaft und Polizei auf diesen Moment vorbereitet. Zeitgleich um 22 Uhr stürmen Polizeibeamte die Wohnung des prominenten Anwalts und Politikers Gabriel Marxer in Nendeln und das prächtige Bürogebäude des Treuhänders Rudolf Ritter in Mauren, einer kleinen Liechtensteiner Gemeinde. Noch hängt an der Außenwand ein großes rundes Schild: Consulado General de la Republica de Costa Rica.

Der eigentliche Bürotrakt im Innern des Gebäudes ist mit einem Zugangssystem abgeschottet. Da der Treuhänder nicht freiwillig öffnet, brechen die Beamten mit Gewalt in das Gebäude ein.

Zum ersten Mal in der Geschichte Liechtensteins gibt es eine derart brachiale Aktion gegen einen Treuhänder. Üblicherweise werden Verdächtige aus dem Finanzmilieu zuvor informiert, oder man klopft vornehm an die Tür und wartet, bis der Beschuldigte öffnet. Im Haus hängen kostbare Gemälde.

"Da ist ein Vermögen", erinnert sich einer der Beamten, der bei der Durchsuchung mit dabei war. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen den Treuhänder ist ein anderer: "Verdacht des Verbrechens der Untreue, der Bildung einer kriminellen Organisation, der Geldwäsche und der Amtsanmaßung."

Neben Rudolf Ritter wird auch Gabriel Marxer verhaftet, Mitglied des Landtags und ehemaliger Fraktionschef der "Fortschrittlichen Bürgerpartei". Sein Bruder war der Landgerichtspräsident, dem nachgesagt wurde, manche Verfahren wegen Geldwäsche nicht bearbeitet zu haben.

In Vaduz schlägt die Nachricht von der Verhaftung der Prominenten wie eine Bombe ein. Teilweise wird heftige Kritik daran geübt, dass die Polizei derart auffällig gegen die ehrenwerten Mitbürger vorgegangen ist. Marxers Ehefrau zeigt sich über die Hausdurchsuchung empört: "Die Polizei fuhr rein wie die Gestapo. Ich bin überzeugt, dass man meinen Mann zum Sündenbock macht. Die brauchen einfach einen prominenten Angeklagten."

"Der Flächenbrand weitet sich aus", titelte die "Aargauer Zeitung" am 15. Mai. Spitzer hatte ein Tabu gebrochen. Bisher war es üblich gewesen, dass bei Verdachtsmomenten alle Informationen sofort an die Verdächtigten weitergeleitet, eine Ermittlung entsprechend erschwert wurde, selbst wenn der Wille dazu vorhanden gewesen wäre.

In dieser Phase meldete sich auch Marie-Gabrielle Koller zu Wort, die von 1992 bis 1996 als Juristin in einem großen Liechtensteiner Treuhandbüro gearbeitet hatte. "Wir haben für kriminelle russische Organisationen, die mit menschlichen Organen einen Handel planten und mit Blut dubiose Geschäfte machten, Verwaltungsaufgaben übernommen. Die Verträge zwischen Nutznießern in Russland und der Tarnorganisation in Genf wurden in unserem Büro abgelegt ... Der Regierungschef hat mich an die Strafvollzugsbehörden weiterverwiesen und mir geraten, mit diesen zusammenzuarbeiten. Die ließen das Dossier aber 13 Monate liegen. Mein Ex-Chef wurde zudem gewarnt, dass bei ihm eine Hausdurchsuchung stattfinden würde."

Ein Sommer in Liechtenstein oder Putin kommt ins Spiel

In der Zwischenzeit hatte sich im entfernten Moskau einiges getan. Am 8. Mai 2000 war Wladimir Putin feierlich als neuer russischer Präsident in sein neues Amt im Kreml eingeführt worden. Wenige Wochen zuvor, einen Tag vor den Präsidentschaftswahlen am 26. März, hatten russische Zeitungen bereits über Korruptionsvorwürfe gegen Putin berichtet, und zwar im Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit als Zweiter Bürgermeister in St. Petersburg.

Ein Bewohner von Torrevieja, so zitierten es Nachrichtenagenturen, habe zudem berichtet, dass sich Putin noch kurz vor seiner Wahl zum Regierungschef in einem Restaurant von Torrevieja mit einem ehemaligen KGB-Offizier getroffen habe.

Gesichert ist, dass der genannte Fonds in den Jahren 1993 bis 1995 insgesamt drei Millionen Dollar auf spanische Konten transferieren ließ. Genaueres lässt sich nicht mehr sagen, da mittlerweile alle Akten über die Transaktionen verschwunden sind. Putin selbst nannte die Vorwürfe "billige Lügen".

Kaum ist Wladimir Putin in Amt und Würden, beginnt das Karussell sich immer schneller zu drehen - neue Namen tauchen auf. Am 31. Mai 2000 meldet die Nachrichtenagentur UPI: "Eine russische Zeitung und eine Webseite veröffentlichten eine Geschichte, die Wladimir Putin mit einer deutschen Immobilienfirma in Verbindung bringt, dessen Mitbegründer vor kurzem wegen des Verdachtes der Geldwäsche und der Verbindungen zur Organisierten Kriminalität verhaftet wurde. Die Geschichte basiert auf einem Artikel in der französischen Tageszeitung 'Le Monde'."

Noch bevor der Artikel in "Le Monde" erschien, schrieb mir Wladimir Ivandize, einer der beiden Journalisten, die den Artikel verfassten, eine E-Mail mit folgendem Inhalt: "Ich recherchiere in der Angelegenheit in St. Petersburg seit zwei Monaten. Aber die Zeitung 'Vedomosti' weigerte sich, die Geschichte zu publizieren. Daher verließ ich die Zeitung, nachdem man mich als Spion diffamiert hatte. Sich damit zu beschäftigen ist außerordentlich gefährlich. Du hast es mit ehemaligen und noch aktiven KGB-Leuten zu tun und dazu die Tambovskaja."

Am 5. Juni 2000 wird in der österreichischen Zeitschrift "Profil" über delikate Beziehungen Rudolf Ritters nach St. Petersburg spekuliert, wobei sich die Informationen überwiegend auf den "Le Monde"-Artikel beziehen. Unter der Überschrift "Herrn Putins Geschäfte" fragen die Journalisten, ob Wladimir Putin eine deutsch-russische Immobilienfirma mit Sitz in Frankfurt beraten habe.

Denn Putin saß im Beirat der SPAG , während der in Vaduz verhaftete Rudolf Ritter im Aufsichtsrat saß. Gab es da Zusammenhänge mit Ritters Verhaftung in Liechtenstein?

Smirnow kenne Putin bereits seit Beginn der neunziger Jahre. Die Putins und die Smirnows verbrachten demnach sogar gemeinsame Ferien am Ladogasee, der mit 18000 Quadratkilometer größte See Europas in der Nähe von St. Petersburg.

"Smirnow ist Chef der Petersburger Ölgesellschaft PTK, die in dieser Stadt ein Quasimonopol auf Benzin hat." Der Bericht kratzte zwar nur an der Oberfläche - doch er zeigte bereits einige wichtige Spuren auf, die zu verfolgen sich lohnen sollte.

2. Juni 2000

Unterdessen führen in der fernen Ukraine, in Kiew, die Vorgänge in Liechtenstein zu ungewöhnlichen Aktivitäten auf höchster politischer Ebene. Am späten Abend unterhält sich der ukrainische Präsident Leonid Kutschma mit dem Chef seines Nachrichtendienstes SBU, mit Leonid Derkatsch. Beide ahnen nicht, dass unter der Couch, auf der sie sitzen, ein digitales Aufnahmegerät versteckt ist und dass seit Wochen alle Gespräche aufgezeichnet werden.

Der Auslöser dafür, dass er die mitgeschnittenen Gespräche öffentlich machte und damit Staatsgeheimnisse preisgab, war die Ermordung des Journalisten Grigorij Gongadze, der im September 2001 spurlos verschwunden und zwei Monate später tot aufgefunden worden war. Verantwortlich dafür soll Leonid Kutschma gewesen sein, der damals heftig dementierte.

Doch auf den mitgeschnittenen Gesprächen, die Melnitschenko einigen ukrainischen Parlamentariern übergab, war genau das Gegenteil zu hören. Auf einem der Mitschnitte aus dem Amtszimmer des ukrainischen Präsidenten ist die Stimme von Leonid Derkatsch zu hören, der seinen Chef Kutschma über Material informiert, das Wladimir Putin betreffe.

Leonid Kutschma denkt daraufhin laut darüber nach, was man mit den Materialien anfangen könne und um was er den gerade neu gewählten russischen Präsidenten Putin im Austausch für das exklusive Material bitten könnte. Anscheinend hatte der ukrainische Nachrichtendienst SBU bereits seit einiger Zeit kompromittierende Informationen über Putin gesammelt. Diesmal ist dem Dienst ein Treffer gelungen. Und wieder gibt es seltsame Verbindungen zu Rudolf Ritter in Liechtenstein und nach Deutschland.

Das Gespräch in Auszügen:

Derkatsch: "Leonid Danilowitsch. Wir haben hier von den Deutschen interessantes Material gekriegt. Also, da ist einer festgenommen worden."

Kutschma liest laut: "Ritter, Rudolf Ritter."

Derkatsch: "Ja, und wegen dieser Angelegenheit, wegen Drogenschmuggels. Hier sind sie, die Dokumente. Die haben die Dokumente rausgegeben. Hier ist auch Wowa Putin."

Derkatsch: "Jedenfalls haben die Russen das alles schon aufgekauft. Hier sind alle Dokumente. Die haben jetzt nur noch wir. Ich glaube, dass Nikolai Patruschew (der Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands, FSB, d. Autor) am 15. bis 17. kommt. Da hat er was zu arbeiten. Na, das werden wir dann bei uns aufbewahren. Die wollen die Geschichte unter den Teppich kehren. Das geben wir dann so rüber, ja?"

Zwei Tage später wurde beschlossen, das kompromittierende Material über Wladimir Putin in den Beziehungen zum Kreml als Trumpf auszuspielen.



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© Jürgen Roth, 2002-2003